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MRes 2010, Zur Sozial- und Kulturgeschichte

 

Zur Sozial- und Kulturgeschichte der mittelalterlichen Burg. Archäologie und Geschichte, hrsg. v. Lukas Clemens & Sigrid Schmitt, Trier 2009 (Interdisziplinarer Dialog zwischen Archaologie und Geschichte 1)
Rezension von Gabriel Zeilinger in: Mitteilungen der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 20, 2010, Nr. 2, S. 110-111

Die wissenschaftliche wie populäre Beschäftigung mit den Burgen und Schlössern Alteuropas ist sozusagen steinalt und dementsprechend ist die Reihe der Veröffentlichungen zum Thema lang. Die Publikationslandschaft zu mittelalterlichen Burgen war neben den vielen Einzelvorstellungen von Burgplätzen lange Zeit geprägt von verfassungsgeschichtlichen, bau- und kunsthistorischen Studien sowie von Überblickswerken zu bestimmten Epochen oder Regionen. Einen bedeutenden Fortschritt stellen die in den letzten Jahren erschienenen, methodisch anspruchsvollen Burgenbücher und -lexika etwa über den Breisgau, das Elsaß und die Pfalz dar. Zudem zeigten die jüngeren Tagungen nicht nur der „Deutschen Burgenvereinigung“ und der „Wartburg-Gesellschaft“, daß die Burgengeschichtsforschung mit Themen wie Sachkultur, Alltag, Wirtschaften, Stadtburgen, Burgimaginationen und vielem mehr inzwischen eine große Bandbreite aufweist. Der vorzustellende Band, der zugleich eine neue Trierer Schriftenreihe eröffnet, die dem fachübergeifenden Gespräch zwischen Archäologie und Geschichte gewidmet ist, fußt auf einer Tagung auf Schloß Dhaun im Jahr 2005, bei der mit räumlich wie thematisch weitem Bogen mehrere dieser neuen Fäden in der Burgenforschung aufgenommen wurden. Nach der Einleitung der Herausgeber stellen Wolf-Rüdiger TEEGEN und Michael SCHULTZ mit der slawischen Burg in Starigard/Oldenburg gleich den vom Kernraum des Bandes entferntesten, freilich sehr prominenten Burgplatz des 10. Jahrhunderts aus archäologisch-paläopathologischer Perspektive vor. Vom „archäologischen Fundstoff aus mittelalterlichen Burgen“ schließt Norbert GOSSLER anhand vieler Beispiele aus verschiedenen Regionen des nordalpinen Reiches auf „Materielle Kultur und soziale Differenz“, die sich sowohl im Geamtbild der Anlagen und ihrer Fundvarianz als auch innerhalb der Burgplätze – vor allem der größeren dynastischen – zeigt. Den „Burgen im Mittelrheingebiet unter siedlungsgeschichtlichen Aspekten“ widmet sich Reinhard FRIEDRICH, Sigrid SCHMITT stellt „Beobachtungen zum Burgenbau von Ministerialen im Hochmittelalter“ an, wobei Herrschaftsbildung und soziale Distinkition als Motive und Prozesse in den Vordergrund treten. Regina SCHÄFER präsentiert für Rheinhessen „Burgen in Dörfern“, geordnet nach Erbauern, Bautypen und Funktionen, während Kurt ANDERMANN Ministerialen- und Ritteradelssitze des Spätmittelalters vornehmlich in Franken und Südwestdeutschland als „Architektur zwischen Nicht-Adel und Adel“ verortet. Lukas CLEMENS analysiert die „nahezu ausschließlich aus wiederverwendetem antiken Abbruchmaterial erbaut[en]“ (S. 79) hochmittelalter lichen Turmhäuser in Trier, an denen sich hervorragend Antikenrezeption und mittelalterliche Stadtentwicklung ablesen lassen. Der unterschiedlichen sozialen Herkunft der „Amtleute in Kurtrier“ in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geht Friedhelm BURGARD nach. Die Beiträge von Michel MARGUE und Volker RÖDEL handeln von Burgfriedensverträgen als Zeugnisse adliger Vergemeinschaftungsformen, letztgenannter mit einem Verzeichnis von 80 Burgfriedensverträgen aus dem weiteren pfälzischen Einflußgebiet. Cordula NOLTE schließlich stellt „Burgen als Aufenthaltsorte von Frauen im Spätmittelalter“ vor. Insgesamt ist neben dem imposanten Überblick und den vielen bemerkenswerten Details insbesondere hervorzuheben, daß die meisten Beiträge tatsächlich einen dezidiert fachübergreifenden Blickwinkel einnehmen – ein seltenes Gut! Der Band ist aber auch in der Qualität der graphischen Gestaltung ein Gewinn.

Rezensionen 15.11.2012 ROOT Rezensionen
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