Rezension von Ulrich Großmann in: Francia 2010
Im September 2005 fand in Daun (Rheinland-Pfalz) eine Tagung statt, in der sich Historiker und Archäologen auf Einladung der Universität Trier zu einem fächerübergreifenden Austausch zum Thema »Sozial- und Kulturgeschichte der mittelalterlichen Burg« zusammenfanden. Leider gelang es seinerzeit nicht, die Tagung schnell zu veröffentlichen, vielmehr dauerte es mehr als vier Jahre, bis Ende 2009 der Tagungsband erschien. So ist insbesondere der Anspruch der Interdisziplinarität, seinerzeit noch selten gefordert oder gar umgesetzt, heute nicht mehr so neu wie 2005, aber er hat der Tagung besondere Bedeutung verliehen.
Doch die Zeit bis zur Veröffentlichung des Sammelbandes hat diesen Vorsprung weitgehend abschmelzen lassen. Signifikant ist es, dass die Herausgeber mehrfach auf die Mitte März 2009 stattgefundene Tagung des historischen Instituts der Universität Freiburg in Bollschweil-St. Ulrich hinweisen, bei der ein weitgehend historisches Forschungsprojekt durch einige Vorträge aus anderen Bereichen der Burgenforschung garniert war, die man aber kaum als interdisziplinär bezeichnen kann. Dagegen ist die nur eine Woche später durchgeführte, tatsächlich interdisziplinäre gemeinsame Tagung des Deutschen Historischen Museums, des Germanischen Nationalmuseums und der Wartburg-Gesellschaft auf der Wartburg mit Beiträgen von Kunsthistorikern, Archäologen, Historikern, Naturwissenschaftlern und Germanisten den Herausgebern nicht bekannt. So dokumentiert dieser Band nur einen ersten Schritt, von einer wirklich mehrere Fächer übergreifenden und somit interdisziplinären Forschungsarbeit war man aber noch weit entfernt. Archäologie und Geschichte bilden gewissermaßen die entfernten Eckpunkte einer fächerübergreifenden Kooperation, da beide besonders in Deutschland lange sehr isoliert geforscht haben. Die Geschichtswissenschaften sind vielfach ohne Kenntnis des materiellen Gegenstandes Burg ausgekommen, und die Archäologie beinhaltet grundsätzlich die Herangehensweise ohne (erhaltene) Schriftquellen, sodass die Zusammenarbeit dieser Fächer zweifellos besonders wichtig ist.
Lucas Clemens und Sigrid Schmitt leiten den Tagungsband mit einem entsprechenden Überblick ein und ordnen die Tagung bzw. den Tagungsband in die (bezogen auf den Tagungszeitpunkt 2005) gegenwärtige Forschungssituation ein. Es ist zwar nur ein marginaler, aber doch auch ein verräterischer Fehler, wenn dabei unter den Hinweisen auf die regionalen Burgenlexika das Tiroler Burgenbuch mit zwei Bänden, erschienen 1972–1973, angegeben wird. Tatsächlich sind bislang neun Bände erschienen (1972–2003), der 10. Band ist in Arbeit – ein grundlegendes Werk, das sicher eher den Anspruch der Interdisziplinarität erfüllt als etwa der zur Tagung in Bollschweil vorgelegte aktuelle Freiburger Katalog.
Der Tagungsband startet mit schwerer Kost, da gleich der erste Beitrag (Wolf-Rüdiger Teegen und Michael Schultz) von einer Grabung in Starigard/Oldenburg (Ostholstein) ausgehend die Skelette eines Gräberfelds behandelt, wobei die medizinischen Fachbegriffe ein Verständnis des Artikels durch Nicht-Mediziner stark einschränken.
Die Beiträge für sich genommen sind in der Regel nicht fächerübergreifend, doch teilweise durchaus von grundsätzlicher und weitreichender Bedeutung. Dies gilt etwa für Volker Rödel, der über die Burg als Gemeinschaft (Burgmannen und Ganerben) schreibt und seinem Beitrag eine Quellenübersicht anhängt. Fast am Rande erwähnt er die Definition der Burg »ganz allgemein verstanden als fester Platz«, was im Widerspruch zur gesamten Burgenliteratur der letzten drei Generationen steht, aber in der Doppelausstellung »Die Burg« 2010 wieder aktuelle Definition wurde. Auch die weiteren Definitionen und Beschreibungen des historischen Werdegangs sind so inhaltsreich, dass man Rödels Aufsatz als den entscheidenden des Buches ansehen kann.
Kurt Andermann untersucht »Architektur zwischen Nicht-Adel und Adel«, wobei sein Beitrag nicht ganz so begriffsklar ist wie der Rödels. So zitiert er die Absicht eines Edelknechts gegenüber seinem Edelherren, dass ersterer im Begriff sei, ein Haus mit einem steinernen Fuß zu bauen, erschließt daraus sicher zu Recht ein befestigter Haus, um es anschließend als »Adelssitz« zu bezeichnen. Ob sich dies mit der Bauherrschaft durch einen Edelknecht verträgt, bleibt leider zunächst offen, obwohl diese Frage ja geradezu im Titel seines Beitrags steht. Zu den Beispielen für ein solches Haus mit »steinernem Fuß« gehört das Topplerschlösschen bei Rothenburg. Hinsichtlich der bisherigen Literatur führt Andermann etliche Burgenbücher an, die seiner Meinung nach das von ihm behandelte Phänomen vernachlässigt haben. Dies ist jedoch eine arrogante Form der Zitierweise, denn in den betreffenden Werken geht es nicht um den Themenbereich, den Andermann behandelt, sondern um den adeligen Burgenbau; das zitierte Buch von Krahe über »Burgen und Wohntürme des deutschen Mittelalters« hat m. E. nicht einmal wissenschaftlichen Anspruch, indem es sich lediglich als Zusammenfassung (meist schlecht) kopierter Grundrisse präsentiert. Was man dagegen erwarten würde, wäre Literatur über jene niederadeligen Sitze, die zu dem von Kurt Andermann behandelten Thema sehr gut passen würden, etwa der Katalog »Adel im Weserraum um 1600« (1996) und weitere Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake. Auch die ausführlichen Literaturangaben zu den Burgenlandschaften machen wenig Sinn, da Andermann versäumt, auf jene Publikationen zu verweisen, auf die er sich stützen kann – für die meisten, grundsätzlich wichtigen zitierten Publikationen gilt dies m. E. kaum. Am Beispiel des »Templerhauses« in Amorbach geht Andermann einem möglichen Bautyp nach, der in der eingangs genannten Quelle gemeint sein könnte, dem ist sicher zuzustimmen. Dass es daneben auch ganz andere niederadelige Bautypen gibt, zeigt das von ihm angeführte steinerne Haus in Neckarbischofsheim – steinernes Haus und Wohnturm sind zwei wesentliche Prägungen des kleineren Burgenbaus seit dem 11. Jahrhundert –, hier könnte man nun die eingangs von Andermann kritisierten Burgenbücher anführen, die dies in aller Regel auch behandeln. Allein an Entstehung und Verbreitung dieses Bautyps wird sich der Aufstieg der Ministerialität in den Adel kaum nachvollziehen lassen, ebenso wenig an der Frage des Anteils von Fachwerk, da reine Fachwerkbauten des 11. und 12. Jahrhunderts, die sehr wohl adelig sein konnten, nicht mehr erhalten sind.
Cordula Nolte schreibt über Burgen als Aufenthaltsorte von Frauen im Spätmittelalter und erweckt zu Beginn des Beitrags den Eindruck, einer literarischen Geschichte auf den Leim gegangen zu sein, indem ein Ritter, der sich bei seiner Liebsten verstecken muss, von dieser zwar drei Tage lang heimlich mit Speis und Trank versorgt werden kann, sich der Notdurft jedoch nur durch Graben in der Mauer entledigen kann, was angeblich nicht entdeckt wird. Doch die weiteren Beispiele und Schilderungen sind sehr inhaltsreich und bieten zahlreiche neue Aspekte zu den Wohnräumen der Frauen, aber auch zu den Aufgaben und Möglichkeiten der Burgherrin, etwa am Beispiel Burghausens.
Zum Zeitpunkt der Tagung war der fächerübergreifende Austausch noch sehr innovativ, die Publikation dokumentiert dies, erfüllt aber die selbst gesteckten Ziele nur in Ansätzen. Die Beiträge sind, wie häufig bei Tagungen, inhaltlich sehr unterschiedlich; eine wirklich kritische Redaktion ist zumindest bei einem Teil der Beiträge kaum erkennbar, was bedauerlich ist; leider verbreitet sich die Tendenz immer mehr, die Redaktionsarbeit von Tagungsbänden auf das Einsammeln der Beiträge und Korrigieren der Schreibfehler zu beschränken. So ist die Mehrheit der Beiträge dieses Bandes nicht interdisziplinär angelegt, und die Aufsätze beziehen sich auch nicht aufeinander. Interdisziplinarität nur als das Nebeneinander, in seltenen Fällen den Austausch zweier Fächer zu verstehen, greift insbesondere in der Burgenforschung zu kurz, auch wenn dies vor fünf Jahren wenigstens ein richtiger Schritt in die richtige Richtung war.