MA 2006, Cluse, Europas Juden
Der Band versammelt 35 Beiträge, deren thematische Spannbreite in zeitlicher Hinsicht die europäische Vormoderne vom ausgehenden 8. bis zum beginnenden 16. Jahrhundert und in geographischer Hinsicht Zentraleuropa sowie den gesamten Mittelmeerraum umfasst, wobei deutliche Schwerpunkte auf dem regnum teutonicum und Frankreich liegen. Untergliedert ist die Darstellung in fünf Großabschnitte, die von allgemeineren zu spezifischeren Fragestellungen fortschreiten: Unter der Überschrift „Dimensionen des Themas“ finden sich Aufsätze zur gegenseitigen Wahrnehmung von Juden und Christen sowie zum rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnis der mittelalterlichen Juden zu nichtjüdischen Herrschaftsinstitutionen wie König oder Reichsstadt. Das Kapitel „Rund um das Mittelmeer“ vereint vor allem Abhandlungen, die das jüdisch-christlich-muslimische Verhältnis in Spanien Lind Sizilien kritisch hinterfragen, während im darauf folgenden Abschnitt das „Judentum des Nordens“ beleuchtet wird, mithin die Gemeinden Englands, Frankreichs und des Reichs im Mittelpunkt des Interesses stehen. Einzelne „Aspekte der Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ wie zum Beispiel innerjüdische Diskussionen über die Geldleihe oder der Anteil von Juden an der mittelalterlichen Medizin Europas werden im vierten Kapitel behandelt, während im letzten Großabschnitt des Bandes der Blick auf einzelne, bedeutende Judengemeinden wie Köln, Oxford, Speyer oder Worms gelenkt wird. Den Abschluss des Werks bilden ausführliche Register der zitierten Literatur sowie der erwähnten Orte und Personen. Die einzelnen Aufsätze sind durchweg gelungen, sie zeugen stets vom hohen Sachverstand und stupenden Wissen der Autorinnen und Autoren. Der Band als Ganzes stellt eine der lesenswertesten, in jüngerer Zeit zum Thema erschienenen Publikationen dar; er ist zudem sehr gut lektoriert und auch in seiner äußeren, gewichtigen Erscheinungsform der gehaltvollen Bearbeitung des Themas voll und ganz angemessen. Die Qualität des Werks erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass hier die Früchte der Arbeit international renommierter und ausgewiesener Fachleute gelesen wurden, zu denen unter anderen Anna Sapir Abulafia, Yacov Guggenheim, Alfred Haverkamp, Klaus Lohrmann, Peter Schäfer, Haym Soloveitchik, Sarah Stroumsa und Erika Timm gehören. Aber auch die Beiträge jüngerer Kolleginnen und Kollegen wie beispielsweise Rainer Barzen, Kay Peter Jankrift, Martha Keil, Jörg R. Müller oder Rann Reiner, die ihrerseits bereits zuvor durch einschlägige Veröffentlichungen unsere Kenntnis und unser Verständnis der jüdischen Geschichte Europas im Mittelalter bereichert und erweitert haben, liefern wichtige und verlässliche Bausteine für ein Gesamtbild jüdischer Existenzbedingungen und -formen in der europäischen Vormoderne. Der vorliegende Band ist sowohl demjenigen nachdrücklich zu empfehlen, der nach einer gründlichen und grundsätzlichen Orientierung zum Thema verlangt, als auch demjenigen, der mit einem weitaus spezifischeren Frageinteresse einzelne Aspekte des Themas untersucht.